dIE sACHE MIT DER dOMINANZ

Egal ob als Hundetrainer oder Hundehalter: Dem Begriff Dominanz läuft man andauernd über den Weg. Aber was hat es denn nun mit dieser ganzen Dominanzgeschichte auf sich? Was bedeutet Dominanz, woher stammt die "Dominanz-Theorie" und möchte der Hund denn nun wirklich die Weltherrschaft an sich reissen?


wAS HEISST DOMINANZ?

 In der Biologie und der Anthropologie versteht man unter Dominanz, dass ein Individuum oder eine Gruppe von Individuen gegenüber einem anderen Individuum bzw. einer Gruppe einen höheren sozialen Status hat, worauf letzteres unterwürfig reagiert. Dominanz-Hierarchien sind bei vielen Tieren einschliesslich der Primaten und auch beim Menschen zu finden. Individuum A schränkt Individuum B ein und gesteht sich selber diese Rechte und Freiheiten zu, was von B akzeptiert wird. Dominanz ist immer beziehungsspezifisch und ist zeit- und situationsabhängig.

In der Psychologie spricht man von Dominanzverhalten, wenn ein Individuum das Verhalten von einem anderen oder mehreren anderen Individuen beherrschen bzw. kontrollieren möchte.



woher stammt der begriff dominanz?

Die Dominanztheorie geht zurück ins 19. Jahrhundert, als erstmals eine Rangordnung unter Hummeln entdeckt wurde. Die von Thorleif Schjelderup-Ebbe, einem norwegischen Zoologen, bei seinen eigenen Hühnern entdeckte lineare Rangordnung wurde im Jahre 1921 in dessen Dissertation beschrieben. Diese Rangordnung, bestens bekannt als Hackordnung, wurde darauf auf alle Wirbeltiere, einschliesslich den Wolf, ausgeweitet. Dass die Ausgestaltung sozialer Organisationen in Gruppen sehr viel komplexer ist und die Hackordnung lediglich eine Form bzw. Möglichkeit der Gruppenorganisation im Zusammenleben von Individuen darstellt, beobachteten Forscher erst in den späten 60er und 70er Jahren. Ende des 20. Jahrhunderts änderte sich die Meinung der Verhaltensbiologen aufgrund von Forschungsergebnissen durch Beobachtungen unterschiedlicher Tierarten dahingehend, dass soziale Dominanz ein vielschichtiges Phänomen und schwierig zu interpretieren ist. Dominanzbeziehungen sind so unterschiedlich, wie die Lebensumstände der Tiere.

 

Zitat von James O'Heare:

Die Dominanztheorie ist wahrscheinlich die am häufigsten missverstandene, allgemein angewendete Verhaltenstheorie im Bereich des Hundeverhaltens. Sie wurde in der Vergangenheit entwickelt, um das Sozialverhalten von Hühnern zu erklären und vorherzusagen. Dann wurde diese Theorie auf andere Tierarten ausgeweitet, einschliesslich eines nahen Verwandten des Hundes, den Wolf."

wie sieht es mit der dominanz von Hunden aus?

Jahrelang glaubte man, Wolfsrudel würden von einem Alphatier beherrscht. Langzeitbeobachtungen an frei lebenden Wölfen zeigten jedoch ein soziales Gefüge, in dem die Leittiere (Elternpaar - also Alpharüde und Alphahündin) die primäre Führungsaufgabe erfüllen, aber nur situationsbezogen autoritär auftreten. Wolfsrudel setzen sich oft aus eng verwandten Tieren zusammen: Elterntiere und Jungwölfe unterschiedlicher Generationen. Wolfsrudel sind somit in der Regel Familiengruppen, die freiwillig und kooperativ zusammenleben. Es ist nachvollziehbar, dass die Führung bei den Elterntieren, den Erfahrendsten der Gruppe, liegt. Dennoch: Den alleine herrschenden Alphawolf gibt es nicht.

 

Im Zusammenhang mit unseren  Hunden ist der Begriff der "sozialen Dominanz", welcher aus der Verhaltensbiologie stammt, relevant. Unter sozialer Dominanz versteht man das "sich durchsetzen" eines Tieres gegenüber einem Artgenossen an einer bestimmten Ressource zu einem bestimmten Zeitpunkt. Sie ist weder angeboren, noch beschreibt sie ein dauerhaftes Verhalten eines Tieres.

 

Zitat von Dr. Ute Blaschke-Berthold:

Tiere, die regelmässig mit denselben Artgenossen um Ressourcen (soziale Zuwendung, Futter, Spielzeug, Liegeplätze, Sexualpartner etc.) konkurrieren, können untereinander Dominanzbeziehungen ausbilden. Soziale Dominanz ist ein Aspekt einer sozialen innerartlichen Beziehung!"



Dominanz im Umgang mit dem Hund

Die Kynologie weiss es also schon lange: Der Hund möchte weder die Weltherrschaft an sich reissen noch den Menschen versklaven. Obschon der Begriff Dominanz im Zusammenleben von Mensch und Hund bzw. im Umgang mit dem Hund schon lange als überflüssig entlarvt ist, hält er sich hartnäckig und führt zu vielen Fehlinterpretationen. Verhalten des Hundes wird missverstanden bzw. auf Basis der Dominanztheorie fehlinterpretiert. Da der Mensch Dominanz oftmals mit Gewalt gleichsetzt, werden sogenannte Rangreduktionsmassnahmen auf unangemessene und unfaire Art und Weise durchgesetzt. Den Hund im Nacken packen und schütteln, mit den Fingern in die Seiten stossen, anknurren, stimmlich bedrohen, auf den Rücken werfen, an der Leine rupfen und auf den Boden drücken sind nur einige solch zweifelhafter Methoden, welche noch viel zu oft angewendet werden, um dem Hund zu zeigen, wer das "Alphatier" im Rudel ist. Ein Hund, welcher eingeschüchtert, am Ausleben seiner Grundbedürfnisse gehindert und ständig kontrolliert wird, verliert das Vertrauen zu seinem Menschen, welcher in den Augen des Hundes unberechenbar und alles andere als ein verlässlicher und souveräner Rudelführer ist. Angst vor der Bezugsperson und eine geschwächte Bindung führen zu erlernter Hilflosigkeit (vgl. mit einer Depression - der Hund macht lieber nichts, als das Falsche) oder Aggressionsverhalten (Verteidigungsaggression gegen Menschen, Tiere, Artgenossen).